Sally Rooney – Gespräche mit Freunden Lieblingsbücher

Literaturstudentin Frances und ihre Ex-Freundin Bobby treten zusammen bei Spoken-Word- Veranstaltungen auf. Nach einem ihrer Auftritte lernen sie das ältere Ehepaar Melissa und Nick kennen. Bald treffen sie sich, verreisen, reden – während Bobby sich für Melissa interessiert, beginnt Frances eine Affäre mit Nick.

Diese Ausgangslage nutzt Sally Rooney in Gespräche mit Freunden, um eine Geschichte zu erzählen, die nicht so trivial ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Die Beziehung der vier Personen steht im Zentrum des Romans, doch dabei geht es um Themen, die sie und eine ganze Generation bewegen.

In diesem Fall spricht der Titel für sich: Große Teile des Buches bestehen tatsächlich aus genau dem, Gesprächen unter den Charakteren. Diese finden persönlich statt, aber auch per Chat und Mail. Die charismatische Bobby hat zu allem eine Meinung und einen festen Standpunkt, den sie bereit ist, auszudiskutieren; Frances hingegen gibt sich eher kühl und schweigsam. Der Kontrast zwischen den Freundinnen macht einen Reiz des Buches aus, und so auch ihre Konflikte.

Vor allem Bobby ist ein ausschlaggebender Charakter für das Buch: Sie ist laut, sie weiß, sich auszudrücken, mit ihr stehen und fallen viele Gespräche über Politik, Beziehungen, Sex. Sie spiegelt das fast schon klischeehafte Bild der Millenium-Generation wider: Die linke Studentin, die sich mit allem in der Welt anlegt, konventionelle Beziehungsmodelle ablehnt, Kapitalismus kritisiert und dabei von den reichen Eltern finanziert wird. Durch Frances‘ Augen ist Bobby oft idealisiert, ihre Schwächen werden von ihr häufig ausgeblendet – Auch wenn wir als Leser*innen uns ihr durchaus bewusstwerden. Sie ist eine Stimme der jungen Generation und soll gleichzeitig ihre Fehler aufzeigen, ein Kunststück, das Rooney gelungen ist.

Nur: Bobby geht zu sehr auf in dieser Rolle des Millenials. Beinahe alle Klischees über diese Generation treffen auf sie zu, und darüber hinaus ist sie nur schwach charakterisiert. Niemand ist bloß ein Archetyp, und selbst ein Charakter sollte mehr sein als das, vor allem einer, dem so viel Aufmerksamkeit zuteile wird wie ihr. The personal is political ist mit ihr an die Spitze getrieben: Ihre ganze Existenz scheint politisch zu sein, jeder Teil ihres Lebens ein Statement.

Doch Bobby ist nicht der einzige relevante Charakter des Romans – Nick steht, abgesehen von Frances, wohl am meisten im Fokus, und das fasst mein größtes Problem mit dem Roman zusammen. An einem Punkt beschreibt Melissa Nick als jemanden, der „es absolut zuließe, würde ich versuchen, ihn zu ermorden“. Nick besitzt keine eigene Agenda, er tut, was Andere glücklich macht. Es ist schwierig, ihn zu beschreiben, weil er selbst so untätig ist: Er ergreift bis zum Ende kaum die Initiative, und während das Buch ihm später einen Grund für dieses Handeln gibt, macht ihm das nicht zwingend zu einem interessanten Charakter.

Nick hat Potential. Das Thema der Depression, das bei ihm wie wenig es zur Sprache kommt. Dazu macht die Handlung Gebrauch von dem alten Mythos, das Liebe aus Depressiven lebensfrohe Menschen macht – als wäre das Problem nicht eine Krankheit, bei deren Bekämpfung Unterstützung zwar wichtig, kein Heilmittel ist. Sein passiver Charakter hätte interessanter umgesetzt sein können, aber so schaffe ich es nicht, mich wirklich für ihn zu begeistern. Seine Affäre mit Frances konnte mich nicht in den Bann ziehen, und wären die anderen Punkte nicht gewesen, hätte ich das Buch wohl aus der Hand gelegt.

Frances als Protagonistin hingegen widerspricht diesem Bild des klischeehaften Charakters. Ich habe gebraucht, um mich mit ihr anzufreunden – Vielleicht ist dies auch Rooneys Stil geschuldet, der am Anfang sicherlich gewöhnungsbedürftig ist; vielleicht hängt es mit dem großen Fokus auf Nick zusammen, der den Anfang des Romans dominiert. Doch Frances ist der Charakter, der die größte Entwicklung durchmacht. Dadurch, dass wir alle Ereignisse des Buches durch sie hindurch betrachten, erhält sie Tiefe. Sie ist nicht perfekt, und sie wird nicht idealisiert dargestellt – eher zu negativ, da sie sehr selbstkritisch ist.

Die Handlung durch ihre Gedankenwelt zu verfolgen, war interessant. Sie fühlt sich nie an wie ein bloßes Klischee. Besonders ihre Beziehung zu Bobby und Melissa ist fesselnd: Nicht immer sind ihre Gefühle ihnen gegenüber ihnen logisch, gelegentlich möchte man sich über sie aufzuregen, aber sie sind nie nicht nachvollziehbar.

Die Entwicklung, die Frances‘ Charakter durchläuft, ist eine Wichtige. Sie reflektiert, erkennt eigene Schwächen, wird selbstbewusster und häufig konnte ich mich in ihr und ihren Gefühlen wiederfinden. Während Bobby vielleicht der charismatischste Charakter ist und Nick und Melissa den Plot tragen – Frances‘ Sicht ist die, die für diesen Roman geeignet ist. Selbst Passagen, in denen sie nur über Geschehenes nachdenkt, werden nicht langweilig, denn Rooney schafft es, dass ihre Gefühlswelt klar und nachvollziehbar bleibt.

Und bei all dem muss man sagen: Das Buch spricht viele Themen an, die relevant sind. Nicht nur Depressionen und Politik, auch Alkoholabhängigkeit, Armut, unkonventionelle Beziehungsmodelle und Endometriose. Gerade letzteres ist noch wenig diskutiert, und es ist richtig, dass Rooney ihm eine Fläche bietet.

Für die knapp 400 Seiten sind das viele Themen, die es anzusprechen gilt. Von einem Roman kann man nicht erwarten, dass eine tiefgreifende Analyse all dieser Punkte enthält, aber ich hätte mir doch gewünscht, dass er manchmal tiefer greift. An einem Punkt wirft Frances Bobby vor, nicht verstehen zu können, wie es wirklich sei, arm zu sein. Dies ist vielleicht der radikalste Moment, in dem Tiefe in die Argumente und Diskussionen kommt und in dem nicht nur mit bekannten Namen um sich geworfen wird – wirkliche Konsequenzen zieht das Gespräch aber nicht nach sich.

Gespräche mit Freunden ist ein interessanter, eher ruhiger Roman. Die Handlung plätschert vor sich hin, viel basiert auf Dialogen und Introperspektive. Er bietet interessante Ansätze zur Diskussion – Bleibt jedoch häufig bei diesen Ansätzen.

Gespräche mit Freunden

Roman
Rooney, Sally

Gebunden
Übersetzung: Beck, Zoë
Deutsch
2019 – Luchterhand Literaturverlag

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